Engagement für Flüchtlinge

"Ich will in einem friedlichen und weltoffenen Land leben."

Otis studiert in Köln und engagiert sich in dem Projekt "Start with a Friend" ehrenamtlich für Flüchtlinge.

Warum hast du angefangen, dich zu engagieren?

Ich arbeite ab und zu für ein kleines Internetfernsehen. Bei einer Produktion habe ich miterlebt, wie etwa 60 Geflüchtete in einem Reisebus ankamen, die in einer ehemaligen Schule unterkommen sollten – ohne Privatsphäre oder eine Ahnung davon, was sie in Zukunft erwartet; Menschen, die aus Kriegsgebieten geflohen sind. Ich dagegen konnte mit dem Auto nach Hause fahren und mich in den Garten meiner Eltern setzen. Das hat mich eine ganze Zeit lang nicht losgelassen. 

Wie engagierst du dich konkret?

Ich bin interkultureller Vermittler bei "Start with a Friend". Wir bringen Geflüchtete und Deutsche zu Tandems zusammen. Das Ziel ist, Freundschaften zu bilden. Beide Tandempartner sollen voneinander lernen, sich gegenseitig helfen, aber auch Spaß zusammen haben. Mein Job ist es, die Leute vorher zu treffen, mit ihnen über ihre Geschichten, Hobbys und Interessen zu reden und sie dann miteinander zu verbinden. 

Was hast du dabei gelernt?

Ich habe über Fragen nachgedacht, die ich mir vorher nie gestellt hatte, und viel erfahren, was ich vorher nicht wusste. Natürlich habe ich viele Leute mit spannenden und berührenden Geschichten getroffen. Und ich habe gelernt, zu differenzieren. Früher habe ich von "den Geflüchteten" gesprochen. Heute erzähle ich von echten Personen. Das sagt viel mehr aus, als nur von "denen" zu sprechen und sie damit zu verallgemeinern. Ich bin offener geworden. Aus Vorsicht, ich könnte irgendetwas falsch machen, habe ich am Anfang immer erstmal etwas Abstand gehalten. Im Endeffekt hab ich aber gemerkt, dass man vor Fremden keine Scheu haben muss. Sie sind nicht "nur" Geflüchtete, sie sind einfach wie alle anderen auch: Menschen auf der Suche nach Glück.

Gab es auch mal Schwierigkeiten?

Am Anfang habe ich die Arbeit zeitlich schwer in den Griff bekommen. Wenn Not am Mann ist, kann man nicht Nein sagen. Das ist bei vielen Ehrenamtlern ein riesiges Problem: Auch mal Nein zu sagen. Das zählt wahrscheinlich auch zu den wichtigen Dingen, die ich mir während des Engagements angeeignet habe.

Was ist dein Traum?

Ich will in zwanzig Jahren in einem Land leben, das friedlich und weltoffen ist, in einer Gesellschaft, die herzlich auf Fremde zugeht. Die Welt ist nun mal verknüpft. Wir leben nicht in Nationalstaaten, sondern auf einem Planeten. Wenn das jeder so sehen würde, gäbe es viel mehr Austausch und weniger Vorurteile. Es sollte normal sein, einen Menschen aus Syrien, dem Iran oder Eritrea als Freund zu haben. Mein Traum: Wenn ich alt bin, herrscht in den Kriegsgebieten wieder Frieden. Dann reise ich dorthin und treffe alte Bekannte wieder. Ich sitze in einem Café irgendwo auf der Welt und danke Mohammed, Mina oder Douglas für eine kühle Schorle. Und denke: Das Engagement hat sich gelohnt.

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