BVR-Studie: Arbeitskräftelücke wächst – zusätzliche Arbeit muss sich lohnen

Kurz und kompakt

  • Deutschland kommt aktuell auf rund 61,26 Milliarden Arbeitsstunden. Das Arbeitsvolumen ist damit seit 1991 um insgesamt 1,4 Prozent gestiegen. Der Zuwachs liegt aber vor allem an mehr Erwerbstätigen, nicht an mehr Stunden pro Person.

  • Die Arbeitszeit pro Kopf ist seit 1991 um rund 14 Prozent auf etwa 1.332 Stunden pro Jahr gesunken, auch wegen einer Teilzeitquote von rund 40 Prozent.

  • Der wichtigste Hebel zur Steigerung der Pro-Kopf-Arbeitszeit sind bessere Erwerbsanreize durch Reformen: Zusätzliche Stunden müssen sich im Portemonnaie bemerkbar machen.

Weniger Arbeitsstunden pro Kopf

Deutschland steuert in den nächsten Jahren auf eine Arbeitskräftelücke zu. Entscheidend ist dabei nicht nur, wie viele Menschen erwerbstätig sind, sondern auch, wie viele Stunden im Schnitt tatsächlich gearbeitet werden. Eine neue Studie aus der BVR Research zeigt: Das Arbeitsvolumen ist insgesamt zwar hoch, doch die Arbeitszeit pro Kopf ist über Jahrzehnte gesunken. Damit Beschäftigung und Wohlstand trotz des demografischen Wandels stabil bleiben, muss die Politik bessere Rahmenbedingungen schaffen. So kann mehr Arbeit dort entstehen, wo Menschen bereit und in der Lage sind, sie zu leisten.

Was sich am Arbeitsmarkt zuspitzt

Die demografische Entwicklung dreht die Kräfteverhältnisse: Viele Menschen aus den geburtenstarken Jahrgängen gehen in Rente, deutlich weniger rücken nach. Die Studie verweist auf eine Prognose, nach der die Erwerbstätigenquote bis 2035 sinken wird – und rechnerisch eine Arbeitskräftelücke von rund 3,2 Millionen entsteht. Produktivitätsgewinne allein werden diese Lücke voraussichtlich nicht schließen. Deshalb rückt stärker in den Fokus, wie sich das Arbeitskräftepotenzial besser nutzen lässt – durch Erwerbsbeteiligung und, wo möglich, mehr Arbeitsstunden.

Faktencheck: Arbeitsvolumen hoch – aber weniger Stunden pro Person

Auf den ersten Blick wirkt die Lage stabil: Das Arbeitsvolumen ist seit 1991 leicht gestiegen – auf 61,26 Milliarden Stunden. Denn auch die Zahl der Erwerbstätigen ist deutlich gewachsen – von rund 39 auf rund 46 Millionen. Auffällig ist jedoch der Gegentrend bei der Arbeitszeit pro Kopf: Im Schnitt arbeitet die oder der Einzelne heute weniger als früher. Genau hier liegt laut der Studie der Knackpunkt.

Ein wesentlicher Treiber ist die stark gestiegene Menge an Teilzeit-Beschäftigten. Teilzeit hat vielen Menschen – vor allem Frauen – den Einstieg in den oder den Verbleib im Arbeitsmarkt ermöglicht. Das Entscheidende ist laut der Studie deshalb nicht so sehr die Teilzeit, sondern: Damit mehr Menschen ihre Arbeitszeit freiwillig ausweiten, müssen Hürden sinken.

Warum Menschen Teilzeit arbeiten – und was Mehrarbeit erleichtert

Die Gründe für Teilzeit sind vielfältig. Bei Frauen spielen Betreuungspflichten häufiger eine Rolle als bei Männern. Daneben nennen Beschäftigte auch Weiterbildung, Gesundheit oder den Wunsch nach weniger Arbeitszeit als Gründe. Wichtig: Überstunden sind laut Studie kein nachhaltiger Hebel, weil sie oft nur vorübergehend anfallen und in schwächeren Phasen wieder abgebaut werden.

Wenn Beschäftigte über mehr Stunden nachdenken, geht es laut Studie vor allem um zwei Dinge: Zusätzliche Arbeit muss sich finanziell stärker lohnen und Beschäftigte brauchen flexible und alltagstaugliche Arbeitsmodelle.

Reformjahr: Finanzierung sichern – und Anreize richtig setzen

Ein zentraler Befund: Arbeit wird in Deutschland im internationalen Vergleich stärker mit Steuern und Sozialabgaben belastet. Die Studie verweist darauf, dass der Druck ohne Reformen weiter steigen könnte. Vor diesem Hintergrund warnt der BVR davor, anstehende Reformen im Sozialversicherungs- und Steuersystem nur als Einnahmeprojekt zu sehen. Es gehe ebenso darum, dass sich Mehrarbeit auszahlt.

Die Studie nennt mehrere Reformfelder. Dazu zählen die beitragsfreie Mitversicherung, das Ehegattensplitting und Minijobs. Zur beitragsfreien Mitversicherung laufen bereits politische Reformdebatten. Beim Ehegattensplitting sieht die Studie mögliche Bremsen für Zweitverdienste. Bei Minijobs erschweren starre Grenzen und Sonderregeln laut Studie den Übergang in reguläre Beschäftigung.

Rente: Längeres Arbeiten attraktiver machen

Beim Übergang in den Ruhestand sieht die Studie ebenfalls Handlungsbedarf. Staatliche Regeln sollten längeres Arbeiten erleichtern und Fehlanreize für frühen Ausstieg abbauen. Kritisch wird dabei unter anderem die Rente mit 63 eingeordnet, bei der es möglich ist, nach 45 Versicherungsjahren abschlagsfrei in Rente zu gehen. Positiv wird erwähnt, dass die Politik Hürden für Beschäftigung nach Renteneintritt abgebaut hat. Zugleich wird betont, dass neue Instrumente wie die Aktivrente genau überprüft werden sollten.

Ausblick

Unterm Strich macht die Studie deutlich: Mehr Arbeit entsteht nicht durch Appelle. Sie entsteht dort, wo Rahmenbedingungen stimmen – finanziell fair, planbar und vereinbar mit dem Alltag. In einer alternden Gesellschaft ist das ein wichtiger Baustein, damit Beschäftigungsquote und Wohlstand auch in den kommenden Jahren stabil bleiben.